Ackergifte sind überall!

Neue bundesweite Studie belegt massive Verbreitung von Ackergiften in ganz Deutschland weit abseits von Äckern. Wir müssen handeln!

Nach Veröffentlichung der Studie zur Pestizid-Belastung der Luft hat die Bayer AG einen offenen Brief an unseren Kooperationspartner, das Umweltinstitut München, versandt. Die Kritikpunkte, die auch in der Agrarpresse aufgenommen wurden, möchten wir an dieser Stelle gemeinsam widerlegen. Sie finden die Stellungnahme des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und des Umweltinstituts München hier.

Der Vorstand des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft hat zusätzlich einen offenen Brief direkt an Herrn Müller gesandt.
Antwort Bündnis enkeltauglich an Bayer

Download der Studie „Pestizid-Belastung der Luft“

Die Studie „Pestizid-Belastung der Luft“ können Sie hier herunterladen.

Was haben wir untersucht?

Dass es Abdrift und Verfrachtung von Pestiziden gibt, ist schon lange bekannt. Wenn sich der Boden erwärmt, steigen Ackergifte zusammen mit Dunst und feinen Staubteilchen in höhere Luftschichten auf und werden mit dem Wind kilometer weit fortgetragen.

Doch in welchem Ausmaß dies geschieht, wurde durch die bundesweite Studie zur Pestizidbelastung der Luft nun erstmals systematisch belegt. Dafür hat das wissenschaftliche Institut TIEM, im Auftrag des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und des Umweltinstituts München, von März bis November 2019 an 116 über die gesamte Bundesrepublik verteilten Standorten den Pestizidgehalt der Luft gemessen.

Die verschiedenen Messpunkte befanden sich in Städten und auf dem Land, in konventionellen sowie Bio-Agrarlandschaften sowie in unterschiedlichen Schutzgebieten, teilweise in weniger als 100 Meter Entfernung von der Quelle – wie ein Radfahrer, der an einem Feld vorbeifährt, auf dem gerade gespritzt wird – teilweise in über 1.000 Metern Entfernung, also schon im Nachbardorf.

Die Daten wurden mit Hilfe von neu entwickelten technischen Passivsammlern, Filtermatten aus Be- und Entlüftungsanlagen sowie durch Funde in Bienenstöcken erhoben. Unterstützt wurde das Projekt von BürgerInnen, LandwirtInnen und ImkerInnen, die die Pestizidsammler nach Anweisung und gezielter Orts-Auswahl des TIEM-Instituts aufstellten und anschließend die Proben einsendeten. In die Ergebnisse floss zudem eine Vor-Untersuchung an Baumrinden aus den Jahren 2014 bis 2018 mit ein.

Was ist das Ergebnis?

An den 163 Untersuchungsstandorten wurden insgesamt 138 Pestizide gefunden, selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz waren 12 Pestizide nachweisbar. Fast ein Drittel der nachgewiesenen Wirkstoffe (30 %), darunter DDT und Lindan, ist dabei in Deutschland nicht oder nicht mehr zugelassen.

Anders als von Pestizidherstellern suggeriert, verbreiten sich in der konventionellen Landwirtschaft eingesetzte Pestizide wie Glyphosat oder Pendimethalin also kilometerweit durch die Luft. Das von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestufte Glyphosat konnten wir dabei in sämtlichen Passivsammlern und Luftfiltern, somit in allen Regionen Deutschlands und auch weit abseits der Quelle nachweisen.

Ergebnisse:

Für wen ist das gefährlich?

Womöglich für uns alle: Bereits 2015 haben wir in einer anderen Studie bei 99,6 % der Probanden das Pestizid Glyphosat im Urin nachgewiesen. Dass Glyphosat im Darm wirkt und dort Bakterien tötet, die wir für die Verdauung brauchen, und dass es potenziell krebserregend wirkt, ist ebenfalls bekannt. Doch die bisher üblichen, isolierten Laborergebnisse, die zu einzelnen Pestizid-Wirkstoffen durchgeführt werden, sagen kaum etwas darüber aus, wie die komplexen Formeln wirken, die letztlich auf dem Acker landen. Durch die nun nachgewiesene Verfrachtung über weite Landstriche hinweg ergibt sich außerdem die Möglichkeit zu weiteren Wechselwirkungen mit anderen Stoffen – und damit ein ganz anderes Risikopotenzial.

Natürlich für unsere Umwelt: Auch im sogenannten Bienenbrot, das der Ernährung der Larven im Bienenstock dient, haben wir Pestizide und Insektizide nachgewiesen. Wie sich das auf diese auch für den Menschen lebenswichtigen Tiere auswirkt, muss noch untersucht werden. Die konventionelle Landwirtschaft, die Pestizide in hoher Zahl verwendet, gefährdet auch den Lebensraum etlicher anderer Insekten, die für die Bestäubung unserer Nutzpflanzen sorgen.

Und schließlich für die Bio-Landwirtschaft: Der Pestizideinsatz in der konventionellen Landwirtschaft bedroht den ökologischen Ackerbau und somit die Wahlfreiheit der VerbraucherInnen.

Seit einigen Jahren mehren sich die Fälle, bei denen unerwartet hohe Pestizid-Konzentrationen in biologisch erzeugten Lebensmitteln nachgewiesen werden. Die Studie „Pestizid-Belastung der Luft“ liefert nun einen wesentlichen Grund dafür: Die Pestizide driften weit von den Ursprungsäckern ab und kontaminieren die Bio-Äcker. Das heißt: Bio-Landwirtschaft geht nur dort, wo sichergestellt ist, dass keine Pestizide auf den Boden und auf die angebauten Pflanzen gelangen. Solange sich Ackergifte bis in den letzten Winkel verbreiten und diese Tatsache bei der Zulassung von Wirkstoffen weiterhin vernachlässigt wird, droht die Gefahr, dass es eines Tages keine Bio-Produkte mehr gibt.