Best Practise – Beispiele für eine enkeltaugliche Landwirtschaft

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Von gesunden Böden, zufriedenen Menschen und üppigen Feldern:

Der Elbers Hof in der Lüneburger Heide

Almut Gaude

von Almut Gaude

arbeitet freiberuflich und leidenschaftlich als Redakteurin zu Umwelt- und Naturschutzthemen

Ein engagierter Familienbetrieb in Niedersachen liefert frisch gepackte Biokisten an 2000 Haushalte pro Woche aus. Vielfältigstes Gemüse, Eier und Fleisch von Rindern, Schafen, Geflügel und Schweinen erzeugt der Elbers Hof für die Direktvermarktung nach Demeter-Vorgaben und mit viel Liebe auf 130 Hektar Land selbst. Artenvielfalt wird groß geschrieben und damit ganz klar der Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide – allen damit verbundenen Herausforderungen zum Trotz.

Mittig zwischen Hannover und Hamburg liegt in der grünen Lüneburger Heide im kleinen Dorf Nettelkamp der Elbers Hof. Betritt man ihn, liegen gleich linkerhand im Stroh schlafend ein paar rosafarbene Schweine vor ihrem Stall. Dahinter kommt ein kleines Verwaltungsgebäude samt Hofladen. Rechts steht eine Scheune. Dazwischen Trecker und andere landwirtschaftliche Geräte. Was die kleine Anlage nicht erwarten lässt: Dieser Hof produziert das ganze Jahr über frisches Gemüse und Fleisch in bester Bioqualität für 2.000 Haushalte. Mehr als 100 Menschen arbeiten hier leidenschaftlich dafür, dass alle Kund:innen im Umkreis von 100 Kilometern einmal pro Woche ihre Biokiste mit regional produzierten Lebensmitteln vor die Tür gestellt bekommen.

Zum Selbstversorger-Mittagstisch mit dem Landwirtschafts-Team

Ich komme (geschickt) zur Mittagszeit an und werde auch gleich zum gemeinsamen Mittagessen eingeladen. Es gibt Bratwurst von den hofeigenen Tieren, Kartoffeln und gemischten Salat von den eigenen Feldern und Quark mit Kräutern – letztere ebenfalls selbst angepflanzt. Ich sitze am Tisch zusammen mit dem Landwirtschafts-Team des Hofs: den beiden Junior-Chef:innen des Hofes Hanne Lene Elbers und ihr Lebensgefährte Onke, mit zwei jungen auszubildenden Gemüsegärtnerinnen sowie Erntehelfer:innen und Praktikant:innen unter anderem aus der Ukraine, aus Kirgistan und Kasachstan (siehe Kasten unten). Sie alle leben auf dem Elbers Hof und kommen täglich zum Mittagsessen zusammen. Wie jeden Tag haben sie auch heute den Morgen mit Ernten verbracht. Jetzt haben alle ihre wohlverdiente Pause.

„Es ist harte Arbeit“, erzählt die 26-jährige Hanne Lene beim Essen. „Unsere Saison geht von April bis März. Freizeit ist für mich als Landwirtin rar.“ Sie unterbricht sich kurz und wendet sich Onke zu: „Ich glaube wir müssen heute noch dringend die Bohnen ernten – ah da kommen ja auch die Eier.“ Am Scheunentor fährt ein Lieferwagen vor, kurzerhand werden hunderte Eier von den eigenen Freiland-Hühnern abgeladen. „Nichtsdestotrotz mache das hier mit großer Leidenschaft und möchte nichts daran missen“, wirft mir Hanne zu.

Der Weg zu 2000 Biokisten-Abonnenten

Der Elbers Hof hat eine lange Tradition – bis ins 17. Jahrhundert reicht die erste Erwähnung hinein. Hanne Lenes Vater Ulrich Elbers stellte 1991 den Hof auf bio-dynamische Landwirtschaft (siehe Kasten unten) um: „Wir wollten den Weg und die Entwicklung der konventionellen Landwirtschaft nicht mitgehen. Kunstdünger und chemische Spritzmittel auf unseren Feldern kamen für uns nicht in Frage. Die ökologische Landwirtschaft war und ist einfach eine runde Sache und bringt eine besondere Qualität hervor“, so Ulrich. Den Weg der Direktvermarktung über die Biokiste wählte er zusammen mit seiner Lebenspartnerin Anke Hennings, um mit den Menschen in direkten Kontakt treten zu können.

Ganz zu Beginn hatte der Hof gerade einmal 20 Biokisten-Abonnenten. Durch den direkten Zugang auf Firmen und private Kunden erweiterte sich der Kreis schnell. Anke und Ulrich verbrachten auch viele Tage auf Wochenmärkten, um den direkten Kontakt aufzubauen. Es wurde viel Zeit und Budget in Anzeigen und Werbung investiert. Am Wichtigsten waren jedoch die Kunden, die durch Weitersagen die Bekanntheit der Biokiste erweiterten. Firmen, Schulen, Kindergärten und weitere öffentliche Einrichtungen schlossen sich an und die Kundenzahlen stiegen und stiegen: auf die heutigen 2000.

Die Tochter übernimmt den Hof – weil er enkeltauglich ist

Während sich Vater Ulrich heute gemeinsam mit Onke vorwiegend um die Tiere und den Ackerbau kümmert, ist Hanne Lene für den Gemüseanbau und die Planung des gesamten Betriebs verantwortlich. In der Coronapandemie entschloss sie sich, in den Hof ihrer Eltern einzusteigen – viel Arbeit hin, viel Arbeit her: „Es gibt für mich nichts Schöneres, als den Pflanzen beim Wachsen zuzusehen und dann zu ernten. Den ersten eigenen Salat im Jahr auf dem Teller zu haben, das ist jedes mal ein Fest“, erzählt sie. Zentral für ihre Entscheidung war, dass der Hof enkeltauglich wirtschaftet. „Ich kann mich nur in etwas einbringen, wenn ich ganz dahinter stehe: Ich will, dass unsere Böden so gesund sind, dass sie auch für unsere künftigen Kinder und Kindeskinder ausreichend gesunde Nahrung produzieren. Und ich möchte, dass ich mit meiner Wirtschaftsweise die Artenvielfalt erhalte. Und das geht mit unserer Art des Bioanbaus, das ist doch großartig!“

Eine vielfältige Landwirtschaft für Mensch und Natur

Bodenaufbau und die Artenvielfalt sind zwei Grundpfeiler des Elbers Hofes. Als wir nach dem Mittagessen eine zweistündige Tour über die üppigen Felder machen, wird mir das Hektar für Hektar klarer. Hanne Lene wirtschaftet wie schon ihr Vater in einer siebenjährigen Fruchtfolge (siehe Kasten). Das heißt: Zur Steigerung der Bodenfruchtbarkeit baut sie je Feld für zwei Jahre zunächst Kleegras zum Bodenaufbau an. Dann baut sie mit ihrem Team jeweils für ein Jahr Kartoffeln, Mais, Getreide, Getreidemischung und zuletzt Gemüse an. Die Vielfalt der Pflanzen auf den Feldern ist erstaunlich: 20-30 Salatarten gibt es, unterschiedlichste Paprika- und Tomaten- und Kohlsorten, Kräuter über Kräuter, Futter- und Zuckermais, lila Kartoffeln und so vieles mehr. Mehr als 100 Gemüsesorten auf zehn Hektar Land wachsen hier. Es ist: eine Wonne.

Zwischen den Feldern sehe ich immer wieder lange Hecken aus heimischen Gehölzen, Obstbäumen und -sträuchern, teils mit dichtstehenden Brennesseln darin. Die Pflanzung und die Pflege der Hecken und auch der Wildwuchs darin sind für Familie Elbers ein wichtiger Bestandteil ihrer Art, Landwirtschaft zu betreiben. Den Insekten, Käfern und Vögeln bleibt so genug Lebensraum und Nahrung erhalten. Unter anderem haben sich Rebhühner, die in Deutschland als stark gefährdet gelten, auf und um die Felder des Hofes niedergelassen. „Wir haben hier Rebhühner ohne Ende. Und die Feldlerchen brüten in unseren Gurken- und Kürbisfeldern“, so Hanne.

Fachkräftemangel und hohe Bodenpreise erschweren die Arbeit

Chemische Unkrautvernichter oder andere Pestizide gibt es auf dem Demeter Hof natürlich nicht. Die Beikräuter auf Hannes Feldern werden mechanisch und meist von Hand entfernt – eine mühsame und auch anspruchsvolle Arbeit, die täglich verrichtet werden muss. Ansonsten überwuchern die Beikräuter die Nutzpflanzen und der Ertrag sinkt. „Die Beikrautregulierung ist eine der größten Herausforderungen für uns. Dafür braucht es Fachpersonal, das immer schwieriger zu finden ist. In diesem Jahr wurde zum Beispiel im Rote Bete Feld nicht optimal gejätet und der Ertrag wird deutlich geringer ausfallen als gedacht. Auf den Kohlfeldern hat das Jäten hingegen gut geklappt – das wird eine richtig gute Ernte“, erzählt Hanne Lene.

Neben dem Fachkräftemangel ist eine weitere Herausforderung für die junge Landwirtin: mehr Land zu bekommen. „Es gibt Verpächter, die grundsätzlich nicht an Ökobetriebe verpachten – unter anderem wegen der Beikräuter, die bei uns nicht so rigoros entfernt werden wie in der konventionellen Landwirtschaft.“ Dazu kommt, dass die Bodenpreise so hoch sind, dass sich im Umland des Elbers Hofes nur noch sehr große Argarbetriebe mit bereits mehreren Tausend Hektar Fläche noch weitere Hektar leisten können. Dabei hätte Hanne Lene gerne mehr Anbaufläche, um neue Projekte zu verwirklichen, zum Beispiel für einen klimaangepassten Ackerbau: „Konventionelle und ökologisch wirtschaftende Landwirte sitzen beim Klimawandel in einem Boot. Wir alle suchen nach neuen Methoden, um den Anbau wassersparender zu machen oder Sorten zu züchten, die mit hohen Temperaturen zurechtkommen“, so Hanne.

Zwei Auszubildende genießen die Arbeit auf den Ökofeldern

Als wir von unserer Tour zurückkommen, sitzt das Landwirtschafts-Team vor der großen Scheune und putzt Zwiebeln. Ich komme ins Gespräch mit den beiden Auszubildenden Jasmin und Evelin, beide 25 Jahre alt, aus Hamburg. Sie leben für drei Jahre mit auf dem Elbers Hof und lernen Gemüseanbau. „Das ist hier schon harte körperliche Arbeit – aber dadurch spart man sich den Sport! Und die körperliche Müdigkeit am Abend, die ist so viel schöner, als diese komische taube Müdigkeit im Kopf durch manch geistige Arbeit“, erzählt Evelin. „Früher hab ich im Labor gearbeitet und habe nichts mitbekommen vom Frühling, Sommer oder Herbst. Jetzt erlebe ich die Jahreszeiten intensiv mit.“ Jasmin ergänzt: „Ich liebe vor allem die Insekten auf den Feldern – ich habe immer mein Handy mit dabei, um bestimmen zu können, welchen Falter ich jetzt schon wieder gesehen habe.“

Die beiden wirken zufrieden. Nach unserem Gespräch schnippeln sie mit den anderen Hofmitarbeiter:innen in Ruhe an den Zwiebeln weiter. Und Hanne Lene bespricht nebenan mit Onke schon wieder die nächsten Arbeitsschritte auf den Feldern.

Die Biodynamische Landwirtschaft gilt als die Anbaumethode mit den strengsten Vorgaben bezüglich Tierwohl, Bodengesundheit und Artenvielfalt innerhalb der Biolandwirtschaft. Sie geht auf den Anthroposophen Rudolf Steiner zurück. Zentral ist, dass jeder Hof eine weitgehend geschlossener Kreislaufwirtschaft hat und so wenig wie möglich auf Zufuhr von Substanzen außerhalb angewiesen ist. Die bio-dynamisch wirtschaftenden Höfe sind im Demeter-Verband zusammengeschlossen. Laut seinen Vorgaben müssen alle Futtermittel aus biologischer Landwirtschaft stammen und mindestens zu 50 Prozent auf den Höfen selbst oder auf Partnerhöfen angebaut werden. Die Tierhaltung ist auf Demeter-Bauernhöfen verpflichtend, um Kompost für den Ackerbau zu erzeugen. Die Nutztiere bekommen mehr Platz als auf Höfen, die nach dem EU-Biosiegel wirtschaften und der Einsatz von natürlichen Pflanzenschutzmitteln wie beispielsweise Kuper ist noch strenger reguliert.
Als Fruchtfolge wird der aufeinanderfolgende Anbau verschiedener Kulturpflanzen auf einer Nutzfläche bezeichnet – im Ablauf einer Vegetationsperiode und über mehrere Jahre hinweg. Die Fruchtfolge oder auch Felderwirtschaft steht im Gegensatz zu Monokulturen, in denen über Jahre nur eine Frucht, wie beispielsweise Mais, weiträumig angebaut wird. Das Problem der Monokulturen: Die Pflanzen entziehen über Jahre dem Boden wichtige Nährstoffe, ohne ihn mit neuen zu versorgen. Daher müssen den Böden unter großem Energieaufwand künstliche Mineraldünger zugesetzt werden. Monokulturen sind anfälliger für Schädlinge, Bauern müssen deshalb vermehrt zu Pestiziden und Herbiziden greifen. Die biodynamische Landwirtschaft verfolgt dagegen das Ziel einer möglichst hohen Fruchtfolge: Äcker sollen abwechselnd mit nährstoffzehrenden Früchten wie Kartoffeln, Körnermais oder Möhren und nährstoffgebenden Pflanzen wie Klee-Gras-Mischungen und Leguminosen bestellt werden. Letztere sind in der Lage, Stickstoff, den wichtigsten Pflanzennährstoff, aus der Luft zu binden, der dann im darauf folgenden Jahr den nährstoffzehrenden Pflanzen zur Verfügung steht.

Nachdem das Gemüse geerntet wurde, verpacken es Mitarbeiter:innn des Elbers Hofes in „Packstraßen“ in die grünen Kisten. Eingerichtet wurde diese Straße in der großen Scheue. Der Elbers Hof bietet die unterschiedlichsten Varianten seiner Biokiste an – mit Produkten ausschließlich vom Hof oder auch gemischt mit weiteren zugekauften Demeter- bzw. Bio-Waren – Kosmetik und Haushaltsartikel eingeschlossen. Im Online-Shop können sich Verbraucher:innen die Kisten auf ihren eigenen Bedarf zuschneiden. Spätestens einen Tag nach der Ernte kommen die Biokisten bei den Endverbraucher:innen an. Zwölf Lieferwagen, davon zwei elektrisch betrieben, liefern die Biokisten aus. Insgesamt 90 Mitarbeitende sind für die Vermarktung der Produkte des Hofes zuständig.

Zur DNA eines bio-dynamischen, Demeter-zertifizierten Hofes gehören Nutztiere. Ihre Ausscheidungen werden als Dünger für die Felder benötigt. Der Elbers Hof hält dafür eine Mutterkuhherde mit 15 Mutterkühen und ihren Kälbern ganzjährig auf der Weide. Die Kälber dürfen neun Monate bei ihren Müttern aufwachsen und leben dann noch 1,5 Jahre auf den Weiden des Hofes. In der konventionellen Tierhaltung werden Kälber nach nur wenigen Minuten von ihren Eltern getrennt. Dazu leben 750 Hühner im Freilaufgehege inklusive Bruderhahnaufzucht. Das heißt, männliche Küken werden nicht – wie in der konventionellen Tierhaltung – direkt nach dem Schlüpfen getötet, sondern dürfen in der Hühnergemeinschaft aufwachsen. Dazu gibt es die Schweine und auch noch Gänse. Das Futter für die Tiere baut der Hof weitestgehend selbst an. Besonderen Wert legen die Elbers auf die Erhaltung alter Nutztierrassen wie zum Beispiel dem Deutschen Niederungsrind oder die Bentheimer Landschafe.

Der Ökokisten e.V. ist ein Zusammenschluss von Bio-Lebensmittel-Lieferdiensten quer durch Deutschland. Jeder der teilnehmenden landwirtschaftlichen Betriebe liefert in seiner Region Lebensmittel direkt nach Hause bis an die Tür. Alle Waren sind biozertifiziert. Ziel ist, so verpackungsarm und plastiksparend wie möglich zu wirtschaften. Mehrwegsysteme haben deshalb Vorrang. Ein Grundbaustein ist die grüne Mehrwegkiste, in der die Bio-Produkte ausgeliefert werden. Dazu kommen weitere Pfandverpackungen wie Joghurtgläser und Milchflaschen, die eingesammelt und weiterverwendet werden können. Rund 40 Ökokistler gibt es bundesweit, hier gibt es alle Anbieter gut im Überblick.

Der Elbers Hof ist Mitglied im LOGO e.V. (Landwirtschaft und Oekologisches Gleichgewicht mit Osteuropa). Seit 1995 setzt sich der Verein für berufliche Bildung, den ökologischen Landbau und die Völkerverständigung ein. Der gemeinnützige Verein organisiert Praktika für Studierende aus den Staaten der ehemaligen UdSSR auf Ökobetrieben in Deutschland und bietet ihnen entsprechende Seminare an. Die Agrarstudent:innen aus Hochschulen und Berufsfachschulen leben für sechs Monate auf den Höfen, die teilnehmenden Betriebe sind für Ausbildung, Unterkunft, Verpflegung verantwortlich.

Der Elbers Hof im Internet:

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Fotos: Almut Gaude / Elbers Hof