Eine nachhaltige Verwendung von Pestiziden gibt es nicht

Veröffentlicht von Alisa Hufsky am

Eine nachhaltige Verwendung von Pestiziden gibt es nicht

In unserem EU-Webinar „Schau, was kommt von draußen rein…“ am 05.04.2022 mit Martin Häusling, MdEP, diskutierten Politik, Zivilgesellschaft und Vertreter*innen der Bio-Branche über Pestizideinträge, ihre Folgen und was sich dringend ändern muss in der Pestizidregulierung. Das Fazit: Eine nachhaltige Verwendung von Pestiziden gibt es nicht. Ein Umdenken hin zu einer agrar-ökologischen Landwirtschaft ist dringend nötig. Stephan Paulke, Mitgründer des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und Geschäftsführer von EgeSun ergänzt: „Es fehlt lediglich an politischem Willen, um die richtigen Maßnahmen auch durchzusetzen.“ Andrew Owen-Griffiths, EU-Kommission, versicherte: „Wir werden die Verordnung zur nachhaltigen Verwendung von Pestiziden nicht verwässern!“

Im Webinar, an dem über 200 Zuschauer teilnahmen, stellte Johanna Bär, Geschäftsführerin des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, die 2019 vom BEL gemeinsam mit dem Umweltinstitut München veröffentlichte Studie zur Pestizidbelastung in der Luft vor. Sie ist das bisher umfassendste deutschlandweite Monitoring des Ferntransports von Pestizid-Wirkstoffen über die Luft. Hierbei wurden an 163 Untersuchungsstandorten insgesamt 138 Pestizide nachgewiesen. Die gesundheitlichen Auswirkungen, so Bär, seien bisher weitgehend unerforscht. Zudem habe der Ferntransport von Pestiziden fatale Folgen für Umwelt und Biolandwirtschaft.

Martin Dermine vom Pesticide Action Network (PAN Europe) stellte eindrücklich die negativen Auswirkungen des Pestizideinsatzes für Gesundheit, Umwelt und Biodiversität aus der Europa-Perspektive dar. Seine Schlussfolgerung lautet: „ein nachhaltiger oder gar sicherer Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide ist lediglich ein Mythos der Pestizidindustrie.“

Stephan Paulke, Geschäftsführer des Bio-Herstellers EgeSun, stellte im Weiteren die Auswirkungen der Pestizideinträge durch die konventionelle Landwirtschaft auf die Bio-Branche dar. Es könne nicht sein, so Paulke, dass die Beweislast bei Kontaminationen, wie bisher üblich, allein bei den Bio-Betrieben liege. Zudem würden Rückstandsuntersuchungen allein in seinem Unternehmen mit jährlich mehr als 200.000 Euro zu Buche schlagen. Das Koexistenzrecht für Bio-Betriebe ist laut Paulke aufgrund des Ferntransports von Pestiziden nicht gewährleistet. Er fordert deshalb: „Die Pestizidindustrie muss dringend für die verursachten Schäden der Biolandwirt*innen aufkommen.“

Johannes Heimrath, Vorstandsmitglied und Mitbegründer des BEL und der Bürgerinitiative Landwende, verwies in seinem Vortrag auf die weitgehend fehlende Forschung zur Aufnahme von Pestiziden über die Lunge: „Ackergifte töten nützliche Mikroorganismen – das gilt auch für diejenigen, die sich im Mikrobiom der menschlichen Lunge befinden. Welche Auswirkungen das hat, ist so gut wie völlig unerforscht.Solange diese Daten nicht vorliegen, so Heimrath, müsse das Vorsorgeprinzip gelten, und Pestizide, deren Verbleib auf den Äckern nicht erwiesen ist, verboten werden.

Andrew Owen-Griffiths, Vertreter der Europäischen Kommission, erklärte in seinem Vortrag zur neuen Verordnung zur Nachhaltigen Verwendung von Pestiziden: „Wir werden die Verordnung nicht verwässern. Der Vorschlag zur Verordnung steht fest und es wird keine Änderungen mehr geben.“ Die Anschuldigungen, dass die Veröffentlichung der Verordnung aufgrund des Drucks der Agrarlobby verschoben wurde, wies Owen-Griffiths ab. Die Verschiebung hätte lediglich mit der Priorisierung aufgrund des Ukraine-Kriegs zu tun.  Mit der Veröffentlichung könnte man voraussichtlich am 22. Juni rechnen, auf jeden Fall jedoch vor dem Sommer.

Zum Schluss verwies Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss, auf die Notwendigkeit einer Pestizidreduktion: „40% des Pestizideinsatzes sind völlig sinnlos. Der Einsatz von Pestiziden muss die Ausnahme sein und nicht die Regel.“ In Bezug auf das Zulassungsverfahren erklärte Häusling: „Wir sind weit weg von einem Zulassungsverfahren, das sicher genug ist, dass man sich darauf verlassen kann.”

In der nachfolgenden Podiumsdiskussion wurden die Fragen der Zuschauer*innen beantwortet und erörtert, wie eine enkeltaugliche Landwirtschaft gelingen kann. Das Fazit: Eine nachhaltige Verwendung von Pestiziden gibt es nicht. Ein Umdenken hin zu einer agrar-ökologischen Landwirtschaft ist dringend nötig.

Johanna Bär erklärt im Schlusswort: „Unsere Studie stellt die Grundlage für eine Veränderung dar. Das Thema des Pestizidausstiegs muss endlich im gesellschaftlichen und politischen Alltag ankommen. Wir hoffen, dass die EU-Kommission die richtigen Entscheidungen trifft und die Ziele der Farm-to-Fork Strategie nicht verwässert.“ Neben der Politik appelliert BEL-Vorstand Johannes Heimrath außerdem an die Industrie: „Wenden Sie doch ihr Paradigma einfach um. Weg von der Kampfmetapher in die Sorgemetapher, also von der Pathogenese zur Salutogenese. Finden Sie Dinge, die nähren und schützen, anstatt dass sie töten und vernichten.”

Weiteres Hintergrundmaterial: